Jenny AutogrammstundeJenny Wolf, heute abseits des Eisrings gefragt. Foto: DKBAuf dem Sprinter-Eis zeigte sie den (übermächtigen) Kufen-Damen vor allem aus Fernost, dass eine deutsche Eisschnellläuferin das Maß aller Dinge ist. Jetzt arbeitet Jenny Wolf im Trainerbereich der DESG. Und wieder setzt sie Zeichen. Benutzt Worte wie „Potenzial, Optimismus, Engagement, Visionen, um den Status quo zu beschrieben. Ihr Ex-Trainer Thomas Schubert nennt sie in der Rückschau „einen Glücksfall“. Das könnte die 38- jährige Berlinerin für den Verband tatsächlich werden. Weil sie alle Herausforderungen, wie einst bei Start, Kurve und Finish über 500 Meter, mit Power und Überzeugung anpackt. Zaudern ist nicht ihr Ding.

Dabei schien die Lebensplanung anders zu laufen. Nach der Karriere wählte die ehemalige Weltrekordlerin (37,00 Sekunden) und fünfmalige Weltmeisterin ein Büro-Praktikum, mehrere erfolgreich absolvierte Studiengänge wären die Tür-Öffner in die berufliche Karriere gewesen. Aber sie begleitete ihren Mann für ein Jahr nach Kanada – und stand in Toronto plötzlich auf Eishockey-Kufen, coachte Kinder – die neue Liebe zu „ihrem“ Eis keimte auf. Ein Signal für die Macher der DESG: jetzt lebt Jenny Wolf in Inzell, arbeitet als Nachwuchs-Trainerin mit Scouting-Funktionen. Parallel geht es an der Kölner Trainerakademie des DOSB in die End-Phase der Ausbildung.

Eine ehemalige Weltklasse-Athletin, (Olympia-Zweite von Vancouver 2010, 61 Weltcupsiege) so kurz nach der Karriere in seinen Reihen zu haben – auch ein Glücksfall. Denn sie legt mit Feuereifer los. Checkt an den Stützpunkten den Stand der Ausbildung. Erörtert mit den Trainern die Probleme beim Nachwuchs – nach der Analyse kehrt sie mit Lösungsvorschlägen an die Basis zurück. Wo die Vereine den neuen Drive dankend annehmen. „Wir erarbeiten attraktive, abwechslungsreiche Angebote. Wir suchen nach Konzepten für die Außendarstellung, um den Sport draußen zu verkaufen.“

Der Einsatz stimmt. Jenny Wolf kennt zwar die Sorgen mit „dünnen Teilnahmerzahlen bei gewissen Jahrgängen.“ Vor allem aber spürt sie die Begeisterung der Kinder, deren Engagement. „Die Vorurteile, dass sich fast niemand für den Sport elektrisieren lässt, trifft nicht zu. Die Jüngeren sind Fans unserer Athleten. Ihr Traum lebt, einmal Olympiasieger zu werden.“

Die junge Betreuerin, die sich als Stadtmensch auch im Chiemgau sehr wohl fühlt, empfindet diese Mitmachen-Wollen als eigene Motivation. „Wenn beim Lehrgang harte Programme inklusive Imitations-Einheiten auf dem Plan stehen und die 15-, 16-Jährigen alles geben“, darf Jenny schon mal zufrieden nicken. Dann wollen die Kids auch mehr. Nicht nur Sprints, Jenny soll es auch auf längeren Strecken vormachen. Aber gerne doch…

Und was geht irgendwann? Die vielgereiste Ausnahmeläuferin unterstreicht die langfristigen Ziele der DESG. „Wir wollen wieder dorthin, wo wir einmal waren. Einer der erfolgreichsten Verbände der Welt – mit gut gefüllten Kadern. Das Potenzial an Eisschnellläufern, die durch die Trainer und die bei uns vorhandene Struktur nach vorne kommen können“, besteht. „Wir sind gerüstet, daher bin ich optimistisch.“

Jenny und die Männer

Martin Schmottlach war ihr erster Trainer und Bezugsperson. Die frühesten Schritte ging Klein-Jenny aber alleine. „Auf einer zugefrorenen ‚Pfütze’ hinter unserem Haus in Berlin-Marzahn“, die Schlittschuhe hatte sie zu Weihnachten bekommen. Der SG Dynamo Süd-Ost suchte via Zeitungsannonce nach Nachwuchs, die Eltern meldeten ihre damals achtjährige Tochter an. Fünf Jahre später der nächste Schritt an die Sportschule in Hohenschönhausen: mit sechs Stunden Lernen und zweimal Training pro Tag.  

Uwe Hüttenrauch betreute Jenny zwischen 13 und 17 Jahren. „Sie war von Anfang an eine der leistungsstärksten Schülerinnen an der Werner-Seelenbinder-Schule. Wissbegierig und hinterfragte alles, aber nie provokativ. Sie wollte die Hintergründe der Entscheidungen wissen und die Wege dorthin, mit zunehmendem Alter, kreativ mitzugestalten. Aber ihre Leistungen auf der Mittel– und Langstrecke waren katastrophal, die 1000 m fast ein Marathon. Nach der Elternversammlung zur Kadereinstufung und Saisongestaltung fragte mich ihr Vater: Wie geht es mit Jenny weiter? Antwort: Ausschließlich Sprint. Aber erst eine Leitungsdiagnostik im IAT Leipzig unter Leitung von Andreas Ehrig brachte Erkenntnisse für eine spezielle Eignung für den Eissprint. Zusammen mit  Trainingswissenschaftlern und Medizinern wurde ein langfristiger Trainingsplan erarbeitet. Und Jenny wurde in die Förderung der DESG zurückgeholt.“

Thomas Schubert, der mit „seiner“ Jenny die Gipfel des Sports erlebte: „Es ist die Erfüllung für einen jeden Trainer, wenn er nach 40 Jahren zurückschaut und er mit Sportlern zusammenarbeiten konnte, die WM– oder sogar olympische Medaillen gewonnen haben. Jenny war dazu noch ein besonderer Glücksfall, bei der sich Geduld voll ausgezahlt hat.“